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» aktuelles/PM: Kritik am Kritiker. „Islamkritker“ Felix Perrefort nach Potsdam eingeladen. AStA empfiehlt: Hingehen und schlauer sein!



**Pressemitteilung**
Des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) der Universität Potsdam
Potsdam, 29.06.2018

 

Kritik am Kritiker.

„Islamkritker“ Felix Perrefort nach Potsdam eingeladen.

AStA empfiehlt: Hingehen und schlauer sein!

 

Am Freitag, den 29.06.2018 findet an unserer Uni ein Vortrag von Felix Perrefort statt. Wir finden, dass sowohl der Titel der Veranstaltung „Islamisierung und antirassistisches Appeasement“ als auch einige von Perreforts sonstigen Veröffentlichungen problematisch sind, weil sie rassistische Ressentiments schüren.

Perrefort hat sich in seiner „Kritk“ auf den Islam und die Linke ’spezialisiert‘. Er lehnt poststrukturalistische Ansätze und Theorien wie Critical Whiteness, die vor allem in der Antirassismus-Szene tonangebend sind, ab und ist nach eigenen Aussagen gerne polemisch. Befürworter*innen meinen, seine Polemik wäre nur eine Frage des Stils, die nichts an seinem berechtigten Argument ändere, dass sich eine Linke überlegen muss, wie offen sie mit Religionen umgeht, die patriarchale und antisemitische Strukturen aufweist. Wenn auch wir dieser Kritik zustimmen, sehen wir gerade in Perreforts ‚Stil‘ erst die Möglichkeit dafür, dass Leser*innen in seinen Texten die Idee einer „enormen Überlegenheit“ Europas gegenüber anderen Regionen der Welt bestätigt sehen. Die Verwendung von Vokabeln, die auch gern in rechten Kreisen verwendet werden, wie „ungeregulierte Enwanderung“, „Islamisierung“, „Orient“, „Tabu“, „Sieg“ und „westliche Zivilisation“ ist Perrefort nicht peinlich. Wir halten diese Sprache für problematisch. Es ist genau dieser Jargon, der ein Bild entstehen lässt, in welchem Muslim*innen ausschließlich als Täter*innen nie aber als Opfer gesehen werden. Zudem wird  dadurch die undiffenzierte Vorstellung geschürt, dass muslimische Menschen per se Frauen* bedrohen und unterdrücken und Juden hassen. 

Die Linke entwirft er als eine Kraft, die aus „Naivität“ das „bedrohliche Phänomen“ der Islamisierung nicht ernst nehme, im Gegenteil noch vorantreibe, und Publizisten wie Perrefort erscheinen als die Letzten, die sich trauen, dies auszusprechen und damit angeblich ein Tabu brechen. Durch solche Aussagen wird ein Bedrohungsszenario erzeugt, welches von einer differenzierten und antirassistischen Auseinandersetzung mit den Thematiken Migration oder Islam ablenkt, bzw. diese verunmöglicht.  Dies zeigt sich auch, indem er Geflüchtete im Gesamten als „schlimmste Feinde“ der Juden bezeichnet und Verfolgung sowie erlebtes Leid anzweifelt. Weder findet in der Festung Europa eine „unregulierte Einwanderung“ statt, noch sehen wir eine sogenannte „Islamisierung“. Stattdessen versuchen Nationalist*innen eine ‚deutsche Leitkultur‘ zu definieren, und Muslim*innen, und andere aus ihrer konstruierten Volksgemeinschaft auszuschließen. Die Reaktion auf das Erstarken des Islamismus und von ihm ausgehenden Terror kann und muss anders, und  unter der Differenzierung von Islam und Islamismus erfolgen. 

Das Aufklären zu Antisemitismus, gerade auch im universitären Kontext, ist auch uns ein wichtiges Anliegen, jedoch halten wir andere Formate und Referent*innen für deutlich differenzierter. Antisemitismus, der auch aus muslimisch geprägten Communities hervorgeht, sollte angesprochen werden, aber nicht in Argumentations – und Pauschalisierungsmustern der Neuen Rechten verfallen.

Perrefort selbst distanziert sich von völkischen Rechten und der AfD.  Wir sind trotzdem der Meinung, dass Perrefort – ob wissentlich oder nicht – rassistische Ressentiments schürt. Publizisten wie er beziehen sich u.a. auf den Marxisten und Islamkritiker Hartmut Krauss, der den Islam als Sonderfall unter den Religionen behandelt und als Herrschaftskultur interpretiert. Davon werden dann jegliche Problemlagen unter Muslim*innen abgeleitet. Wir finden, dass eine politische Analyse, die ausschließlich auf der Grundlage von religiösen Büchern auf das alltägliche Denken und Handeln von Menschen schließen möchte, methodisch falsch ist und alles andere als materialistisch. Eine Analyse, die außerdem Probleme, wie Antisemitismus und Sexismus, nur noch im Kontext von Einwanderung und Muslim*innen behandelt, ist nicht nur verlogen, sondern auch erkenntnistheoretisch falsch. Patriarchale Strukturen, Morde an Frauen*, Gewalt gegen Juden lassen sich nicht über einen „Sieg über den Islam“ lösen, wie Perrefort es suggeriert. Eine Distanzierung von der Neuen Rechten alleine reicht nicht aus, wenn Argumentation und Rhetorik nach den gleichen Mustern verlaufen.

Während wir die Implikationen in Felix Perreforts Rhetorik ablehnen, sprechen wir uns für eine kritische Auseinandersetzung mit alternativen politischen Strategien und theoretischen Ansätzen aus, in diesem Fall in Bezug auf Antirassismus in Form von Critical Whiteness oder den Postcolonial Studies. Der Kampf gegen Unterdrückung darf jedoch antimuslimischem Rassismus und Antisemitismus nie gegeneinander ausspielen. Die Veranstaltung sollte daher nicht unhinterfragt an unserer Universität stattfinden. Wir empfehlen die kritische Begleitung des Vortrags. Die Organisator*innen [Hochschulgruppe SPME Uni Potsdam] wünschen sich eine Debatte: sicher wird es sie freuen, wenn auch Diskutant*innen im Publikum sitzen, die konträre Ansichten vertreten. 

 

 

Insofern: Gegen jeden Rassismus, Antisemitismus und Islamismus! Für eine solidarische Debatte! Für eine Linke ohne den Gestus der Überlegegenheit!

Jennifer Wieczorek  [29. Juni 2018]

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